Entschleunigung

Langsam fahren, ehrlich gesagt, für mich eine ganz schöne Herausforderung, ganz besonders zu Beginn meines Abenteuers mit dem Wohnmobil. Da überholten mich auf einmal LKWs, die ich ansonsten mehr als locker hinter mir gelassen hätte. Wirklich peinlich, anfangs fing ich innerlich an, mich ständig fast zu entschuldigen, dass ich nun mal nicht schneller diesen Berg hochkomme. Aaaaber, ich habe ja einen guten Lehrmeister;). 

Und irgendwann fing ich an, mich zu entspannen. Ich konnte ja gar nicht anders, als anzunehmen, dass es nun mal einfach nicht schneller geht. Ich hatte die Wahl, entweder mein Wohnmobil innerlich zu bekriegen, mich nur noch in schlechten Gefühlen wiederzufinden, oder zu schauen, was das Ganze mit mir macht. 

Und auf einmal mochte ich es. Jede Baustelle, die mir vorher ein Dorn im Auge war, liebte ich auf einmal. Es ging nicht mehr darum, schnell irgendwo zu sein. Auf einmal fühlte ich ganz anders, was es bedeutet, einen Berg hochzufahren, und auch wieder hinunter. Ich wurde gezwungen auch beim Autofahren ganz bei mir zu sein. Ich fing an zu singen, weil ich meine Konzentration nicht mehr für möglichst schnelles Fahren brauchte, experimentierte mit meinem Atem, was und mit welchen Tönen in meinem Körper wirkt, sehr spannend:). 

Und, an diesem 1. September spürte ich diesem Jahr bis jetzt nebenbei nach. Die Jahreszeit allgemein fängt an, in die Langsamkeit zu gehen…beginnende Rückschau. Was ist alles bis jetzt geschehen. Was war gut, was habe ich geschafft und gelernt, aber auch, was durfte ich verabschieden…ist es gelungen? Was gibt es vielleicht noch zu bereinigen?

Ich habe heute eine Tür aufgemacht, in eine sehr verhärtete Front hinein. Einfach, weil mein Herz dies so wollte, ohne zu wissen, ob auch nur annähernd etwas gelingen würde. Es wurde beantwortet, in aller Vorsicht, und auch hierbei braucht es die Langsamkeit. Es ist wichtig, Verletzungen nachzuspüren, Grenzen zu achten, mit aller Zeit, die es dazu braucht und dafür die Verantwortung zu übernehmen. Wenn es darum gehen soll, aus einem Opferdasein wirklich auszusteigen, braucht es dazu noch etwas darüber hinaus.

Eine Ausdehnung, ein Bewusstsein davon, mehr zu sein, als diese Verletzungen erfahren zu haben, als gelernt zu haben, Grenzen zu ziehen. Wenn ich dieses Mehr in mir sehe und fühle, werde ich dies auch in einem anderen sehen können. Ob derjenige dies nun nimmt, oder nicht, spielt keine Rolle. Es selbst zu wissen und zu spüren ist das Wesentliche. Denn dies wird irgendwann in Resonanz gehen…ohne, dass es erwartet wird, genau hier liegt die Kunst:). Loslassen, absichtslos, langsam…mit Blick auf das, wohin das Herz möchte…nein, nicht aufopfernd, abhängig oder sehnsüchtig…sondern ruhend im eigenen Selbst sich erlauben, für die innerste Herzenswahrheit zu gehen…und schauen, was geschieht…ja, auch eine Herausforderung, aber eine schöne, wenn sie gelingt:)

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