Den Schatten umarmen

Und immer wieder stehe ich da…

…nackt, ohne jeglichem schmückendem Beiwerk…

…glaube, mich nicht zeigen zu dürfen, scheint doch so viel anderes, kraftvolleres um mich zu sein, ich möchte im Boden versinken…und komme auf meinen tiefsten Grund…

…begegne meinen Dämonen, dem tiefstem Schmerz…und meinen Schattenkindern…es überflutet mich…

…und ich bleibe dennoch stehen, auch wenn ich weglaufen möchte…

…auf einmal verändert sich etwas…ich fühle zutiefst ein Ja…zu mir, mit allem was da gerade ist…

…ich spüre eine Kraft hinter mir, die mich umarmt…

…ich fühle all die Menschen, die verzweifelt vor ihren Dämonen wegrennen, vor der dunklen Nacht ihrer Seele… nicht wagend, ihre Masken fallen zu lassen…

Ich erinnere mich, an den Beginn dieser Seite…mein Gefühl, es darf sich etwas ändern…authentisch sollte es sein…mir ist bewusst, dass ich mich einerseits in diesem nur alles Licht und Liebe und dem großen Wandel  nicht wiederfinde. Dass ich dennoch manchmal sehr verführt bin, darin einzutauchen, dass ja auch in allem Wahrheiten zu finden sind, mir nur nicht ausreichend. Ich schreibe selbst davon, dass sich etwas wandelt, denn das tut es sowieso, und dass es darum geht, den Krieg in unserem Inneren zu beenden. Aber was bedeutet das wirklich?

Den Krieg im Inneren zu beenden, bedeutet, die Dämonen, die Schattenkinder nicht auszuschließen. Es gibt keine ehrlichere, authentischere Kraft als sie. Denn sie sind es, die mir sagen, was schreibst du da eigentlich? Wenn ich mich mal wieder ein wenig abgehoben verlieren will. Hör auf damit, zeig dich, so wie du bist, denn genau das wolltest du doch! Und ich weiß, wie sehr sie meine Wahrheit damit berühren.

Meine Wahrheit ist, dass ich einen Weg gegangen bin, der sich erlaubt hat, nichts mehr auszuschließen. Mein Weg hat mich immer und immer wieder mitten durch meine tiefsten Ängste geführt. Durch alle Scham-Ohnmachts-und Schuldgefühle. An jeder meiner Wegkreuzungen ist mir genau diese Kraft begegnet, die auch auf  diesem Foto sichtbar wird. Immer dann, wenn ich glaubte, nicht mehr weiter zu können, war sie da.

Und sie ist auch jetzt da. Besonders dann, wenn ich wage, meinen Dämonen und Schattenkindern zu begegnen. Nicht aus der erhabenen Lichtebene heraus, sondern auf meinem tiefstem Grund. Und auf einmal werden sie Licht. Weil sie mir sagen, hey, hast du nicht eigentlich gerade einfach die Schnauze voll? Hast du nicht allen Grund, im Moment auch einfach einmal wütend zu sein? Bist du es nicht, die alles Scheinheilige, Unwahrhaftige, Verlogene, Machtmissbrauchende, Manipulierende eben nicht mag?! Ist das schon Krieg?

Ja, es würde zum Krieg werden. Nicht, weil ich all diesen “Schattenanteilen” in mir nicht begegnen darf. Im Gegenteil. Ich darf, ich muss ihnen begegnen. Denn wenn ich sie da unbewusst, verleugnend, verdrängend in mir schlummern lasse, werden sie sich ihren Weg bahnen. Denn sie wollen gesehen werden. Tue ich es nicht, werden sie unheilvoll durch mich wirken. Wie das ungeliebte Kind, das durch “negative” Verhaltensweisen auffällt. Integriere ich sie, kann ich handeln, ohne blinden Hass, Rache, Verurteilung oder sonst etwas, sondern einfach nur in meiner Liebe und Verständnis zu ihnen gut für mich sorgen.

Begegne ich ihnen, so hart und  so schmerzvoll dies auch sein mag, werden sie ruhig. Denn sie haben etwas zu sagen. Sie sorgen dafür, dass ich mich eben nicht allzu schnell auf eine Licht-und Liebe-Ebene begebe. Weil es nicht deren Realität ist, und weil es überhaupt nicht Realität ist. Sie sorgen dafür , dass ich auch heute, wann auch immer es mir begegnet, meine Stimme erheben werde, mich nicht beugen lasse, eingreife, wenn es notwendig ist. Und ich bin  ihnen sehr dankbar, dass sie da sind, denn sie führen mitten durch die lähmende Angst und Ohnmacht zu einem tiefen Verständnis für mich selbst, wie auch für andere und zu einem freien Handeln.

Sie erinnern mich auch daran, dass mir so lange schon auf meinem Weg das vordergründig nur so Gute, Harmonische, Heilsbringende suspekt war. Auch, weil ich die Mechanismen von Trauma und Missbrauch entlarvt auch, weil ich in die Natur gegangen bin. Und es sind genau diese Dämonen, diese Schattenkinder, das Dunkel, was mich so vieles gelehrt hat. Was die Kirche so gerne nach Außen verdammt, als den Teufel, das Böse, ist leider nur die Ablehnung der Verantwortung für eigenes Denken und Tun. Und es ist noch lange nicht vorbei. Sorry, jedem, der mir auch heute begegnet, und sich als der “Gute” verkauft, werde ich eher dankend aus dem Weg gehen;).

Eine Freundin schrieb mir gestern: “Früher dachte ich immer, ich könne trotz Trauma meinen Weg gehen, das ging, mit viel Anstrengung. Dann dachte ich, ich müsse erst das Trauma lösen, und dann kann ich meinen Weg gehen, und jetzt wird mir klar, das Trauma ist mein Weg, er geht mittendurch, es ist der einzige Weg, der weiterführt, alle anderen scheinen auf einmal wie Sackgassen, Ausbremsungen…es soll durchs Trauma, mittendurch…keine Konzepte, keine Anklagen, keine Verurteilungen…darin ist alle Kraft und Eigenmacht konzentriert, nach der ich mich sehne.” Ja, genau dies bedeutet es, den Schatten umarmend, authentisch zu leben, zu sein, und sich zu zeigen…

…und dann geschieht es, wie auf diesem Foto, dass auf einmal eine Kraft da ist, die genau dies tut…die Schatten, den Tod, das vordergründig Unschöne, die Scham, die Schuld, die Angst…alles…einfach umarmt…dann geschieht es auch, dass auf einmal wildfremde Menschen ihre Lebensgeschichten erzählen…dass Berührung geschehen kann über alle Verletzungen hinweg…weil urteilsfrei alles da sein darf… dann geschieht sehr viel, und das ist auf der einen Seite Magie…und auf der anderen Seite eine Entscheidung…für das Leben…ganz…

Nachtrag: Mir ist bewusst, dass das Wort Dämonen angstbesetzt ist, Widerstand auslösen kann. Schattenkinder weniger;). Ich schreibe es wiederum bewusst, weil ich irgendwann erkannt habe, was eigentlich dahinter liegt. Es ist keineswegs eine von außen wirkende Kraft, es sind keine vom “Teufel” ausgesandte Gestalten, diese Angst wird auch in heutigen Zeiten so gerne mit verschiedensten esoterischen Verschwörungstheorien weiter hervorgerufen. 

Was ich mit Dämonen meine, sind alle unbewussten Mechanismen, die aufkommen, wenn die Seele in die Freiheit strebt. Es sind die Energien in einem selbst, die aus Angst zurückhalten wollen, es sind die Zweifel, es ist die Lähmung, es sind die Stimmen der Vergangenheit, die sagen, “du darfst nicht”, “du bist es nicht wert”, “du bist schuld”, “du solltest dich schämen”, “das schaffst du nie”, “halte deinen Mund”, “du wirst schon sehen”, “du bist verrückt”, “wie kannst du nur” usw. Und die können manchmal ganz schön die Kontrolle übernehmen. Insbesondere als Trigger können sie unvermittelt in traumatische Erlebnisse zurückwerfen.

Je mehr ich in Kontakt bin mit meinen Schattenkindern, oder auch einfach dem inneren Kind, das genau diese Botschaften einmanipuliert bekommen hat, können sich all die dazugehörenden Gefühle zeigen, oft mit viel Schmerz verbunden. Ich kann erkennen, an welcher Stelle in meinem Leben ich mir unbewusst genau das ausgesucht habe, dass diese Botschaften auch schön weiter zu mir kommen. Und klar bedeutet diese Erkenntnis oft eine notwendige Veränderung. Dies kann Angst machen, und die Dämonen holen einen wieder ein. Und deren Stimmen können auch von außen kommen, von Menschen, die uns unter Kontrolle und Abhängigkeit halten wollen.

Und da geht es mittendurch. Es ist nicht einfach, doch für mich nicht zu umgehen, will ich aus der endlosen Wiederholungsschleife heraus, will ich die ständigen Projektionen ins außen beenden, die meist im Opfer-Täter und Retterspiel ihre Runden drehen, im Drama halten. So ist es auch der beste Weg, in der bedingungslosen Annahme seiner selbst mit sehr viel mehr Respekt und Achtung, aber auch gesunden Grenzen, anderen zu begegnen. Und bei allem gibt es eine Kraft, die uns trägt, egal, wie wir sie nennen. Sie ist verbunden mit unserer tiefen, wahren Seelenessenz und begleitet sie auf ihrem Weg ins eigentliche, befreite, liebende und schöpferische Leben…

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