Licht- oder Schattenarbeiter?

Will mal mein mir selbst auferlegtes Schweigen unterbrechen;), bin noch immer unterwegs und ein Satz ist mir begegnet, der in mir nachwirkt, sinngemäß “vielleicht brauchen wir gar keine Lichtarbeiter, sondern vielmehr Schattenarbeiter…”. Nachzulesen bei Karin Trott “Lichtvolle Tagesimpulse“.

Er gefiel mir, der Begriff war mir noch nie gekommen, klar, Lichtarbeiter nennen sich viele, doch wer Schattenarbeiter? Und ich dachte mir, ja, irgendwie bin ich wohl eher so ein Schattenarbeiterin. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass Lichtarbeiter natürlich viel schöner klingt. Doch geht es überhaupt um das entweder oder?

Es erscheint mir genau das Problem zu sein, dass alleine durch diese Begrifflichkeit wieder einmal getrennt wird. Wir sind die Guten, eine aus meiner Sicht gefährliche Sichtweise, die nicht aus einem verbundenen, fühlenden, reflektierenden und vorallem ehrlichen Bewusstsein erwächst. 

In einer Welt wie dieser heute ist es ohne Frage wichtig und notwendig, bei all den negativ Berichten das Bewusstsein darauf zu richten, was nährt und was lebensaufbauend ist. Und die meisten Menschen zieht bei einem Gang in die Natur erst einmal das Schöne an. Das Gesunde, Farbenprächtige, Kraftvolle. Und das ist gut so, es gibt Energie, macht Freude, nimmt uns mit in die ungeheure Vielfalt des Seins.

Es ist wiederum ebenso die Natur, die uns auch ganz andere Seiten zeigt. Viele davon sehen wir nicht mehr, weil das wilde Leben außerhalb von uns stattfindet. Aber da gibt es eben auch Verwundung, Verfall, Tod, Vergänglichkeit. Auch uns zeigt es sich, wenn wir genauer hinschauen. Sofern wir es nicht ausblenden.

Und dies ist die Kehrseite, wenn wir die Augen verschließen vor all dem, was eben nunmal um uns herum an Leid geschieht, aber auch vor dem, was in uns noch an Verdrängtem schlummert.

Für mich ist immer noch die Natur meine größte Lehrmeisterin. Denn in ihr finde ich eben dieses Trennungsbewusstsein einfach nicht. Es ist, als schaute ich immer wieder in den Spiegel meines Seins. Als rufe sie mir zu, hey, erlaube dir doch, wirklich alles, auch in dir zu sehen. Und da ist nun mal nicht nur Licht.

Wie war ich früher bemüht gewesen, nur das Schöne, “Perfekte”, erreichen und sein zu wollen, egal ob als Partnerin, Mutter, in der Arbeit und ganz besonders auch auf meinem spirituellen Weg. Ich ließ mich von vielem beeindrucken… bis sich meine eigene Seele ihren Weg bahnte. Und da ging es mitten ins Dunkel und ins Schattenreich hinein.

Heute ist dies zu meinem Schatz geworden. Ich muss nichts mehr verdrängen, nicht mehr schweigen, Angst und Ohnmacht sind meine Verbündete, denn sie führen mich genau dorthin, wo Heilung, Freiheit und Schöpferkraft gefragt ist.

Vorgestern wurde mir der Film “Der Fall Collini” gezeigt. Intensiv, beklemmend führt er zurück in unsere deutsche nicht aufgearbeitete Geschichte. Tief berührend an dem Schicksal eines Mannes werden die Folgen von Trauma aufgezeigt. Und einmal mehr wird es mir bewusst. Wir können es uns nicht leisten, wegzuschauen. Und dazu braucht es das Eintauchen in das Dunkel, ins Schattenreich, in die Begegnung schlimmster Erlebnisse, die so viele Menschen noch immer mit sich herumtragen. Ja, vielleicht braucht es mehr denn je Schattenarbeiter, die sich in die Abgründe unserer menschlichen Geschichte wagen. Die Folgen holen uns sowieso ein. Jeder, der sich seinem eigenen Trauma stellt, ist sozusagen ein Schattenarbeiter. Und gleichzeitig ist er ein Lichtarbeiter. Weil er irgendwann mit seinem eigenen Licht sein eigenes Dunkel erhellt. Er wird anderen Mut machen, es zu wagen, und er wird nicht mehr wegschauen können, weil er fühlen gelernt hat. Und er wird wissen, dass jeder, so wie er selbst, seinen Weg in seiner Zeit geht. Da gibt es am Ende kein höher, schneller, weiter, sondern nur eine  Erlaubnis, für jeden. Kein Privileg, keine Auserwählten, keine verlorene Seele.

Ich habe mich oft genug gefragt, warum tun wir Menschen uns dies alles eigentlich an. Ich habe im Grunde keine Antwort darauf und ich will mir auch garnicht anmaßen, eine zu finden. Nur eines weiß ich für mich heute. Dass es einen Sinn machte, einen Weg gegangen zu sein, der keineswegs nur Licht und Liebe beinhaltete. Dass es wiederum keinen Sinn gemacht hätte, wenn er mich in Bitterkeit, Groll, oder Hass zurückgelassen hätte. Dass ich umso mehr erfahren habe, was Menschlichkeit bedeutet. Dass aus einem vorschnellen Urteil über andere ein Verstehen und Mitgefühl gewachsen ist. Dass er mich tiefer zur Frage nach Liebe geführt hat. Denn es ist leicht, zu lieben, im Paradies. Unter einer Glasglocke, hinter der ich alles Elend der Welt nicht sehen muss. Und ich will auch keineswegs zu irgendwelchen Auserwählten gehören, die es ins Himmelreich schaffen, die anderen bleiben eben leider zurück. Wenn ich in die Natur schaue, stellt sich überhaupt nicht die Frage, Licht oder Schatten. Es gibt nur ein UND. Die Essenz dahinter, die kann jeder nur für sich selbst fühlen und erfahren…vielleicht zu einer Liebe finden, trotz allem, vielleicht sogar wegen allem, weil die Kraft und wahre Essenz der Seele erkannt wird…und aus einem “Ich sehe mich” erwächst irgendwann ein “Ich sehe dich”….

Wurde gebeten, auf folgenden Beitrag hinzuweisen, gerne:): “Den Schatten umarmen”

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