Ohnmacht versus Kreativität

Es brauchte ein langes Ausatmen…von allem, was sich in der letzten Woche ereignet hat. Die Meldungen im Außen überschlugen sich, und tun es noch…neben allem Licht bahnten sich auch die Schatten ihren Weg.

Ein direkter Kontakt mit meiner Mutter, die ein starker Risikofall im Moment ist, ich besuchte sie, im großen Abstand im Garten. Wir schnitten Bärlauch zusammen, den ich vorher gesammelt hatte. Ich zeigte ihr Videobotschaften der ganzen Familie, bis hin zu den Urenkeln, die sie alle nicht sehen kann. Es war zu spüren, wie sehr ihre Energie sich zurückgezogen hatte, und es dauerte eine ganze Weile, bis die Berührung mit dem Leben bei ihr ankam. Vordergründig geht sie gut mit der Situation um. Im Hintergrund ihr Leiden zu fühlen.

Ich hörte von Berichten, die davon sprechen, dass befürchtet werden muss, dass die Gewalt in Familien zunehmen wird. Dass Missbrauch in Familien ungehindert gelebt werden kann, da die Kinder nicht mehr in Kontakt mit anderen Personen sind. Die Jugendämter arbeiten nur noch im Notfallmodus, Frauenhäuser sind dicht, Beratungsstellen geschlossen. Ich tauchte ein…in die Ohnmacht angesichts dieser Situation.

Und ich ging damit einfach weiter. Fühlte mich hinein, in all die alten Menschen in den Alten- und Pflegeheimen, die nicht besucht werden können. Mir begegnete eine Familie, die Mutter sprach von der enormen Belastung grade, die Kinder zu Hause, beide Eltern im Home Office. Eine andere Mutter, alleinerziehend, in ähnlicher Situation, nur Großeltern im Haus. Ich machte ihr Mut, sich doch ruhig mal eine Stunde am Tag Zeit für sich selbst zu nehmen. Sie bedankte sich sehr. Ich selbst bin nicht in diesen Situationen und fühlte tiefen Respekt.

Diese Krise hat grade erst begonnen. Eine Woche. Drei liegen in jedem Fall noch vor uns. Und ein direkter schneller Einstieg in ein “normales” Leben keineswegs in Sicht. Schon garnicht für die Risikopatienten. Sie sollen  geschützt werden. Und sie werden in die Isolation getrieben. Kontakt mit der Familie erst wieder möglich, wenn ein Impfstoff da ist? Ein Jahr vielleicht…wir wissen es nicht. Ein Ende von allem nicht in Sicht.

Stunden der Schwere…Eintauchen in das, was uns bevorsteht…und in diesem Tanz im Schatten das tiefe Ankommen bei mir selbst. Ich kenne sie, die Schatten, nur zu gut. Ich fühlte ein tiefes Erinnern…den Weg, den ich gegangen bin. Ich habe gelernt, all diese Schatten zu mir zu nehmen. Und es gab auf einmal eine Stimme in mir. Nimm all diese Schatten, die jetzt da sind, genauso zu dir. Mach sie nicht weg. Nicht mit auch all dem Schönen der letzten Woche. Lass sie genauso da sein, auch wenn es zutiefst schmerzt.

Und es dauerte eine Weile. Bis es sich wandelte. Ich sprach mit meiner Schwester, die meine Mutter im Moment nicht besuchen kann. Wir spürten beide das Leid darin…und fingen an, Ideen zu entwickeln. Wie könnte potentiell ein Besuch in den nächsten Monaten aussehen? Es braucht Mundschutz. Nicht mehr zu kaufen oder völlig überteuert. Also selbst machen. Sehr viele Inspirationen auf YouTube. Schützt nicht vor eigener Infektion, aber die Risikofälle vor uns. Sie fing direkt zu nähen an. Für meine Mutter könnten wir zudem doch mal endlich ein Senioren-Smartphone besorgen, währenddessen gab ich diese Idee weiter zu meinen Kindern, die sehr viel versierter mit der Technik sind…in einer spontan anberaumten online- Familienkonferenz wurden Ideen gesammelt…Endlösung: Ein Kindertablet, größer als ein Handy, leichter zu bedienen, mit Installierung von Skype, womit Fotos, Videos geschickt werden können und auch Live-Video-Anrufe möglich sind. 

Später hörte ich von meinem Bruder, dass sie sich angemeldet haben als Notanlaufstelle für Kinder, die nicht mehr in Familien bleiben können, aufgrund von Gewalt oder anderen Überforderungen der Familien, und bereit sind, ein Kind für eine gewisse Zeit bei sich aufzunehmen. Eine tiefe Erleichterung machte sich in mir breit. Es gibt Lösungen! Ja, vielleicht nicht für alle. Dieser Schmerz wird bleiben. Aber jeder Einzelne, den wir damit berühren und helfen können, ist wertvoll und wichtig.

Ich glaube, wir alle werden in der nächsten Zeit immer wieder mit der Ohnmacht konfrontiert sein. Ob mit der eigenen, weil es an Existenzängsten oder Überforderung rüttelt. Oder durch das Außen. Wir alle werden gefragt sein, wie gehen wir damit um? Meine Erfahrung, an diesem Wochenende – und die beiden Steintürme da oben begegneten mir genau in dem Moment, als die große Frage in mir war, wie können wir Lösungen finden? – ist:

Wenn wir uns verbinden…wenn wir nicht in der Ohnmacht steckenbleiben…doch wenn wir ebenso das Leid, das gerade um uns ist, wirklich fühlen. Wir stehen alle gerade erst am Anfang…wir alle dürfen kreative Antworten finden…wir alle werden mit Leid konfrontiert werden…wir alle dürfen und können uns besinnen auf das, was das JETZT grade von uns braucht…für uns selbst, wie auch für andere…

Und hier tiefe Berührung, wenn im Schmerz Grenzen gesprengt werden, die Künstlerin ist taubstumm...und den Rest seht ihr selbst...danke für die Zusendung:)

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