Wenn der Tod Leben berührt

Gestern brach die beste Freundin einer auch Freundin von mir zusammen. Seit nun über 2 Monaten lebt diese mit der Diagnose unheilbarer Gehirntumor. Sie ist erblindet und lebt mit massiven Schmerzen, die mittlerweile ein Liegen im Bett kaum mehr möglich machen. Ihr ehemaliger Partner betreut sie zu Hause, wo sie auch sterben möchte. Seine eigene Angst, sich mit Corona anzustecken lässt ihn jeden Besuch abhalten. Für meine Freundin ein all die Wochen unerträglicher Zustand. Gestern nun konnte sie endlich ins Krankenhaus, ihre Freundin sehen, für zwei Stunden. Deren Partner begegnete ihr mit den Worten, warum sie sich das denn antue, in diesem Zustand solle doch keiner mehr sie sehen, wäre doch besser, sie anders in Erinnerung behalten.

Als mir meine Freundin abends von dem Besuch erzählte, stand etwas ganz anderes im Raum. Eine Begegnung voller Liebe. Gesten zarter Berührungen, die ihre Freundin erreichten, nur wenige Worte, die im langen Schweigen gesprochen wurden, Ausdruck der beidseitigen Freude, sich doch noch einmal begegnen zu können, das Band der über so viele Jahre entstandenen tiefen Freundschaft und die bedingungslose Annahme der Situation. Erst am Ende sagte sie, ja, das Gesicht ihrer Freundin sähe inzwischen sehr entstellt aus, aber es wäre doch immer noch sie. In diesem Moment fühlte ich, wie tief ihre Liebe zu ihr ist, wie viele Menschen dies nicht aushalten würden. Ihr schmerzvoller Wunsch ist, dass ihre Freundin einfach bald von ihrem Leiden erlöst werden möge.

Ein anderer Freund war noch anwesend. Wir sprachen über die Sterbekultur in unserem Land. Wie sehr der Tod ausgeklammert wird. Auch über die so schwierige Frage einer Sterbehilfe. Und warum manche Menschen so lange leiden müssen. Ich habe auch keine wirkliche Antwort darauf. Spüre, mit wie viel Respekt sich diesem Thema zu nähern ist. Aber auch, dass es notwendig ist, sich all diesen Fragen zu stellen. Wir alle werden sterben. Weit weg scheint der Tod zu sein. Dies ändert sich, wenn wir in Berührung damit kommen. Und finden darin vermutlich die erste Antwort. Er fordert uns heraus, geliebte Menschen loszulassen. Dass Liebe wie hier nicht bedeutet, die Freundin unbedingt am Leben zu halten, sondern ihrer Seele zu wünschen, ihren Körper, der nur noch Schmerzen bereitet, zurücklassen zu können. Und wie gut wäre es, Menschen in diesem Prozess begleiten zu können.

Dies wird meiner Freundin verwehrt. Sie wird heute noch einmal ins Krankenhaus fahren können. Niemand weiß im Moment, wie lange es dauern wird. Ihre Freundin hat sich zeit ihres Lebens nicht mit dem Tod beschäftigt. Sie glaubt auch nicht, dass es nach dem Tod weitergehen könne. Vermutlich macht es das schwerer. Aber auch das scheint nicht alleine der Grund zu sein, warum manche Menschen so schwer sterben können, ich habe auch von sehr gläubigen Menschen gehört, die sich jahrelang auf Palliativstationen befinden. Und vielleicht ist das, was wir glauben, nicht wirklich das Wichtigste. Vielleicht lehrt der Tod am tiefsten, was Leben ist. Und ich glaube, es ist gut, sich beidem sehr bewusst zu nähern. Wie wollen wir leben…und wie sterben. Wie können wir Menschen begleiten, die sich im Sterbeprozess befinden…wie nehmen wir Abschied…wie gelingt es uns, loszulassen…was wollen wir festhalten…was kann Liebe sein…

Im Garten meiner Freundin brennt seit Wochen eine Kerze. Jede Woche stellt sie eine neue auf. Ihre einzige Möglichkeit, mit ihrer Freundin die ganze Zeit in Verbindung zu sein. Weil da ein anderer selbst so Angst hat, zu sterben. Wie sehr rührt Corona an unserer tiefsten Angst. Wie wenig scheint verstanden zu werden, dass es vielleicht um etwas ganz anderes geht. Wahrzunehmen, wie viel menschenunwürdiges Leben inmitten von uns existiert. Dass dieser Virus uns eigentlich mitten ins Leben zurückführen möchte. Unser Leben nicht halb bewusst zu verschlafen. Wie wertvoll jeder einzelne Tag sein kann, den wir bewusst erleben. In Berührung. Mit uns selbst. Mit allem Leben um uns herum. Und dass es sehr wertvoll und kostbar ist. Wie sehr, spüren wir, wenn wir dem Tod begegnen. Unser eigener wird kommen. Es macht Sinn, sich ein wenig die Zeit und den Raum zu nehmen, wie möchte ich bis dahin gelebt haben…welche Spur werde ich hinterlassen…

…ich werde heute den Tag mit meinem Sohn sehr bewusst erleben…die Sonne intensiver spüren…Berührung tiefer genießen…Menschen wacher begegnen…dankbar sein, dass ich lebe…und dass ich einmal mehr in Berührung gekommen bin mit dem Tod…und damit, was Liebe sein kann…

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