Wir dürfen hinschauen

Von einem bin ich zutiefst überzeugt: Die Wahrheit kommt immer ans Licht…und die stärkste Kraft ist die Liebe. Auch wenn gefühlt unsere Macht oder besser unsere Eigenmacht derzeit manchmal am Boden zu liegen scheint. Seit Monaten schaue ich, worum es eigentlich in dieser ganzen Krise geht. Vieles habe ich geschrieben. Und ich gehe immer mit dem, was sich mir gerade zeigt. Vieles habe ich gelesen, beobachtet, versucht, mir ein möglichst umfassendes Bild zu machen. Hinter Verschwörungstheorien geschaut, wie auch die unterschiedlichsten Reaktionen der Menschen auf Corona. Dass Angst und Panikmache die schlechtesten Berater sind ist klar. Ebenso, dass schon lange vor dieser Krise vieles eines echten Umdenkens bedurfte.

Meine Grundüberzeugung ist auch, dass eine Veränderung immer erst in sich selbst anfangen darf. Bevor ich Frieden im außen fordere, darf ich mir anschauen, wie viel Frieden in mir selbst ist. Gleiches gilt für die Freiheit, die Würde, die Liebe. Was auch immer ich im außen anprangere, der Weg geht von innen nach außen. Daher bin ich nicht jemand, der auf Demonstrationen geht. Bis jetzt zumindest. Dennoch halte ich es für gut und wichtig, dass Menschen es tun. Fridays for Future war eine notwendige Bewegung und hat eindrucksvoll das Engagement auch vieler junger Menschen gezeigt. Erreicht wurde kaum etwas. Gestern gab es eine andere Demonstration.

Ich weiß nicht, warum ich genauer hingeschaut habe. Ich folge meinem inneren Gefühl. Ich schrieb bereits gestern, dass ich so manche Meinung nicht teile. Bei dieser Demonstration war eine solche Vielfalt unterschiedlichster Gruppen, dass es garnicht funktioniert, alle unter einen Hut zu packen. Doch mir geht es grade um etwas anderes. Um die Notwendigkeit, wirklich hinzuschauen. Schnell ging durch die Presse, die Demonstration wäre aufgelöst worden. Wenn ich heute bei Google eingebe “Demo Berlin” erscheinen Berichte und Videos, die fast ausschließlich von Ausschreitungen rechtsradikaler Gruppen berichten. 

Und hier stimmt etwas wirklich nicht. Ja, es gab sie. Der Polizei ist es offenbar auch gelungen, diese Gruppierung von dem Rest der Demo abzugrenzen. Es gab Bilder, bei denen ich tiefsten Respekt hatte, vor deren ruhigen, besonnenen Verhalten. Polizisten, die angeschrien, bespuckt, später auch mit Steinen und Flaschen beworfen wurden. Es ist wirklich ein harter Job, und ich beneide sie nicht. Doch es gab auch ganz andere Bilder. Unschöne Szenen. Und bis jetzt finde ich sie nicht in unseren öffentlichen Medien. Außer, dass berichtet wird, es wäre vorwiegend friedlich gewesen. Ja, meiner Einschätzung nach waren da mindestens 90 Prozent friedlich demonstrierende Menschen. Und keineswegs nur Spinner, wie es gerne dargestellt wird.

Trotz Auflösung ging es noch lange weiter an der Straße des 17. Juni. Mit einem gelingenden Abstand. Friedlich. Ich wollte zunächst hier Videos dazu verlinken. Doch wie alles bedarf auch dies noch einer weiteren Prüfung. Jeder darf sich sein eigenes Urteil bilden. Wer suchet, der findet. Eines bleibt bei mir hängen, bei allem, was ich gesehen habe. Viele, sehr viele Menschen, die bis zuletzt keinerlei Gewalt ausübten. Die in erster Linie einige zentrale Botschaften hatten: Freiheit, Frieden, Dialog, Aufklärung. Und die mit Recht in den Raum stellten, dass die Berichterstattung in der Öffentlichkeit vieles nicht zeigt. Und an dem Punkt dürfen wir alle hinschauen. Weit über diese Demo und auch Corona hinaus. Weil diese Welt und Erde uns alle angeht. 

Ich möchte betonen, ich teile nach wie vor vieles nicht, was kundgetan wird. Jeder kann und sollte sehr genau prüfen, was von wem mit welcher Motivation und Gesinnung ausgeht. Und dass gerade ohne Frage sehr rechtslastige, radikale Strömungen, wie auch Q-Anon, sich breit machen, ist ebenso notwendig, zu beobachten. Von einem entsprechenden Online-Magazin Compact aus ging gestern auch direkt eine Falschmeldung durchs Netz, die Auflösung der Demo wäre angeblich für rechtswidrig erklärt. Macht halt Mühe, hinter alles zu blicken. Mir geht es im Moment hier nur darum, dass wir auf alles schauen. Denn gestern waren in der Mehrheit alles andere an Menschen dort als Neonazis. Und viele von ihnen haben einfach nur Fragen oder sind betroffen.

Allerdings dürfen alle auch achtsam sein, von wem sie möglicherweise instrumentalisiert werden. Ein wenig mulmig wurde mir später am Tag bei einer weiteren Demo vor dem Brandenburger Tor. Wiederholt wurden die Menschen mit einem “Deutschland wacht auf” oder “Europa wacht auf” animiert, beide Arme nach oben zu recken. Bereitwillig wurde dies sehr schnell übernommen. Solche Bilder erinnern leider sehr an ein dunkles Kapitel unserer Geschichte. Und lässt mich weiter alles gut beobachten. Dies gelingt am besten ohne eigene Angst. Mit wachem Geist. Und einem Vertrauen in sich selbst und die Kraft des Lebens.

Hier ein Video mit einer ganz guten Gesamteinschätzung. Und vorallem der Hinweis auf eine wirklich notwendige Veränderung. Diese Erde will auch von unseren Kindern und Enkelkindern bewohnt werden. Demonstrieren alleine reicht hierfür ganz sicher nicht aus. Es braucht die Präsenz, Ideen, Visionen und Fragen vieler Menschen, gelebte Veränderungen und ein Verlassen unserer so sehr geliebten Komfortzonen- und Wegschau-Mentalität:

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