Vollmondin-Impressionen

Sehr dicht fliegen heute morgen die Schwalben über dem Wasser. Ich kann sie auf einem Foto nicht einfangen…wende mich dem zu, was vor meinen Füßen auftaucht…

Vieles bewege ich im Herzen…die Geschehnisse der letzten Tage…ein Gespräch gestern Abend mit einem jungen Mann. Er erzählt mir, dass er mitsamt anderen jungen Menschen zu dem Schluss gekommen sei, dass es nicht mehr zu verantworten ist, Kinder in diese Welt zu setzen. 18 Jahre ist er alt. Und hat den Glauben daran verloren, dass die Menschheit eine Umkehr des Klimawandels noch schaffen wird. Ich frage ihn, wie sich das anfühlt? Deprimierend, sagt er. Ich erwidere, ja…weißt du, was so oft hinter einer Depression steht? Unterdrückte, verdrängte Wut. Und der Schmerz unter ihr. Er fängt an, zu verstehen, kennt diese Gefühle aus seinem Leben.

Sie bricht auf, diese Wut. Nicht zum ersten Mal in unserer Menschheitsgeschichte. Oft führte sie zu blinder Wut und Hass. Auch heute können wir dies sehen. Und wenn ich mir vor Augen halte, wie viele Menschen sich weltweit in permanent weiter geschehenden traumatischen Ereignissen befinden, ganz abgesehen von all den ungeheilten Traumata vieler Menschen, könnte auch ich die Hoffnung aufgeben. Ich schaue auf den Fluss, an dem ich sitze. Er ist einmal mehr über die Ufer getreten durch den Regen. Ich stelle mir vor, was geschieht, wenn sich all die ungeweinten Tränen mit ihm vereinen…und sehe einen unglaublich kraftvollen, reißenden Fluss vor mir…größer denn je, sich immer weiter ausdehnend…weit über meine Vorstellungskraft hinaus…

Ein Stück weiter eine Feuerstelle, überflutet vom Wasser. Ich fühle die erloschene Hoffnung vieler. Ich kenne dieses Gefühl. Und schaue auf die Regentropfen, die sich auf den Blättern und Blüten niedergelassen haben. Wie Perlen…und ich denke an eines meiner Lieblingsgedichte vom Wunder der Perle. Es erzählt vom Schmerz einer Muschel an einem eingeschlossenen Sandkorn, die eines Tages das Wunder erlebt, die Geburt einer daraus entstandenen Perle zu erleben. Glaube ich noch an Wunder für diese Erde? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Und ich weiß auch nicht, wo dieser Wandel der derzeitigen Krise uns hinführen wird. Aber eines weiß ich. Dass ich in meinem persönlichen Leben viele Wunder erfahren habe. Dass es unüberwindbare Hindernisse zu geben schien, die auf wundersame Weise in ganz neue Wege führten. Und das Erleben vieler Tränen, die irgendwann zu meinen Perlen wurden. Warum soll dies nicht auch im Großen möglich sein? 

Es war Martin Luther, der den Satz sagte: “Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.” Es ist mein Hund, der heute morgen in den Fluten seinem Lieblingsspiel nachgeht, Steine aus dem Wasser zu holen. Ich habe es ihm nicht beigebracht. Und ich denke mir, jeder von uns trägt in sich seine ganz eigenen Begabungen, Fähigkeiten, woher auch immer sie kommen. Wenn es gelingt, diese verborgenen Schätze zu heben und als Schöpfungsimpuls in die Welt zu bringen…nicht in blinder Wut und Zerstörung, sondern als Perlen einer erfahrenen Transformation, und aus der uns eigentlich innewohnenden Freude und Schöpferkraft heraus…können Wunder geschehen…und dann wird sich ein geläuterter, geheilter, reißender Fluss seinen Weg bahnen…nicht wissend, wo er enden wird, weil es nicht wichtig ist, es ist das Leben, in seiner puren Kraft…und es will heute gelebt werden, denn jeder von uns wird in vielleicht 20 Jahren von unseren Kindern gefragt werden, wo wart ihr eigentlich, damals, als ihr von vielem wusstet?

Ich stelle diese Frage auch dem jungen Mann gestern Abend. Wollt ihr wirklich da stehenbleiben? Es ist eure Erde der Zukunft. Was auch immer die Wissenschaft berechnet…ob es wahr werden wird, liegt an jedem Einzelnen von uns…heute…und am Ende unseres Lebens wird es glaube ich nicht darum gehen, wie viel einfach nur Spaß wir hatten oder wie viel Geld wir gehortet haben, unsere Seele wird uns fragen, bist du für deine Träume und Visionen gegangen? Hast du ein Stück mehr verstanden, fühlend erlebt, was Liebe sein kann? Hast du dich dafür in deinen Schmerz gewagt? Ist durch dich die Welt um dich herum ein wenig lichtvoller geworden? Hast du eine Spur hinterlassen, die auch noch deinen Kindern und Enkelkindern dient? Hat deine Seele Heilung erfahren? Es ist unsere Seele, die am Ende unseres Lebens weitergehen wird…

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