Zur Dunkelmondin

Heute erfuhr ich vom Tod einer Frau. Zwei Wochen waren bereits seit ihrem Tod vergangen. Still, leise, unbemerkt war sie nur von ihren Eltern beerdigt worden.

Sie war bereits als Kind an einer Gehirnhautentzündung erkrankt. Unerkannt geblieben entwickelten sich immer schwerere Symptome. Erst viele Jahre später wurde mir am Schicksal ihres Bruders klar, dass beide Opfer sexuellen Missbrauchs waren. Auch der Bruder entwickelte Störungen, galt als Sonderling, bis er später nicht mehr Mann sein wollte,  sich als Frau verkleidete, eine Geschlechtsumwandlung anstrebte, die aufgrund fortschreitender Bulimie und Magersucht nicht mehr umgesetzt werden konnte. Er verhungerte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Seine Schwester war irgendwann aufgrund schwerster Behinderungen nicht mehr in der Lage, auch nur irgendetwas mitzuteilen. Ihr Stummheit durchbrochen von Selbstaggression und Schreianfällen, die niemand verstand. Gegen Ende erblindet ist sie nun Jahre nach ihrem Bruder auch gegangen. 

Zum Schweigen manipuliert sterben viele Opfer, landen in der Psychiatrie, gelten als verrückt oder gestört. Auch in diesem Fall bemitleidete man die Eltern, so schwierige Kinder gehabt zu haben. Täter der Vater, die Mutter wegschauend. Als ich davon erfuhr, war es zu spät. Keine Chance mehr, die fatalen Folgen schon zu weit fortgeschritten. Missbrauchssysteme arbeiten ausgeklügelt und perfide. Mit perfekter Tarnung. Und sie sind mitten unter uns. Vielfach noch immer unerkannt. Oft in Familien- und Freundeskreisen. Ausgeführt von sehr netten Menschen. In sehr anerkannten Positionen. Und viele wollen es nicht wissen. Weil es wirklich schockierend ist. Zutiefst schmerzt. Und mit der Ohnmacht konfrontiert. 

Auch ich konnte in diesem Fall nichts verhindern. Ich kann nur eines. Heute, im Nachruf diesen beiden Menschen eine Stimme und Würdigung geben. Ihnen sagen, dass ich sehe, was ihnen geschehen ist. Ihnen sagen, wie sehr es mich schmerzt, dass sie in diesem Leben keinen Weg in die Heilung finden konnten. Dass um sie herum viele versagten. Ihnen sagen, dass sie anderes verdient hätten. Und dass ich dafür gehen werde, dieses so gerne verdrängte Thema bewusst zu machen. Mir macht es heute nichts mehr, dass ich mich damit sicherlich bei vielen nicht beliebt mache. Denn leider sind da draußen unendlich viele Kinder unter uns, die so gerne etwas sagen würden…und kaum einer will es hören. Gelebte Spiritualität auf dieser Erde ist für mich wahrhaftig kein sich Flüchten in himmlische Sphären. Auch wenn es ohne Frage angenehmer wäre.

Das Schicksal dieser beiden ist brutale Wahrheit. Sexueller Missbrauch wohl kaum ein Kavaliersdelikt. Wie auch Mobbing, fatal verstärkt durch die Verbreitung im Internet. Letztens hörte ich die erschreckende Zahl, pro Jahr nehmen sich zwischen 250 und 350 Kinder wegen Mobbing das Leben. In Deutschland. Erfahren wir davon? Ja, irgendwann, wenn wir es wirklich sehen wollen. Und das darf weh tun. Weil jedes Kind eines zuviel ist.

Es wäre vielleicht eine andere Sicht,  wenn wir den uns auferlegten Mundschutz im Bewusstsein tragen würden, wie viele unter uns auch ohne Mundschutz zum Schweigen gebracht wurden. Wenn wir uns dafür bewusster in die Augen schauen. Andere Sinne schärfen, des Fühlens, des Zuhörens, der inneren Berührung. Dann würde das einen anderen Sinn machen. Vielleicht macht Corona uns ein wenig mürber, zerbrechlicher, verletzlicher. Doch jede Verunsicherung unserer vermeintlichen Sicherheit und schönen Welt ist mehr als notwendig. Und Heilung ohne Frage auch schmerzhaft. Weil sie die Schatten fühlen lässt. Und führt ebenso in tiefste Freude. Weil sie umso mehr auch das Licht fühlen kann. Heilung trennt und verdrängt nichts.

Mehr zum Thema und wie Heilung geschehen kann unter Heilung integriert.

Menü schließen