Herbsttagundnachtgleiche

Vor kurzem machte ich eine kleine Reise…exakt auf den Tag ein halbes Jahr später, als ich im Frühjahr eine Reise machte, mit ziemlich genau den gleichen Etappen. Eines war anders. Damals war es kurz vor den massiven Einschränkungen, die Corona mit sich brachte. Dieses Mal mit deutlichen Erleichterungen, aber mitten drin. Ich fuhr los, und ließ auf mich wirken, was in diesem halben Jahr geschehen ist.

Heute schaute ich mir an, was ich anfangs geschrieben habe. “Die Mitte”, am 22. März, exakt vor einem halben Jahr. “Freiheit”, einen Tag zuvor, die Ausgangssperren waren da. Heute, auch  eine Mitte, die zwischen Tag und Nacht. Im Gleichgewicht der Kräfte sein…etwas, was in diesem halben Jahr viele wohl oft nicht mehr fühlten. Was unsere Erde schon lange nicht mehr aufzeigt. Und was ist mit der Freiheit?

Es wird zunehmend gekämpft, für die Freiheit. In all diesen Monaten habe ich mich oft gefragt, warum es in mir kein Bedürfnis dazu gab. In mir war die ganze Zeit eine tiefe innere Gewissheit, dass es um etwas ganz anderes geht. Und dass sich mir dies nur erschließen wird, wenn ich in meiner Mitte und meiner Wahrheit bleibe. Ich nahm auch ein tiefes inneres Gefühl wahr, dass mir gerade niemand wirklich meine Freiheit nehmen kann. Und dies ist in all den Monaten unverändert geblieben. Aber ich wurde Beobachterin von allem, was um mich geschah. 

Heute spüre ich besonders eines. Ein noch tiefer verankertes Vertrauen. Dafür gibt es keine Argumente, keine sichtbaren Zeichen um mich herum. Die zunehmenden Unruhen, die vielleicht sogar noch größere Ungewissheit, wo das alles noch hinführen wird, die hunderttausend verschiedenen Meinungen könnten ins Gegenteil führen… in Angst und große innere Zerrissenheit. Und ich glaube, genau darin liegt die Herausforderung wie auch der Schlüssel. Es geht nicht darum, was da im außen geschieht. Es geht darum, was in mir selbst geschieht. In der Erkenntnis, dass uns allen gerade lediglich ein großer Spiegel vorgehalten wird. Wir alle haben das Jetzt erschaffen. Wo jeder einzelne steht, das zeigt er, mit seinem Verhalten, mit seinen Reaktionen. 

Was macht frei? Dass ich es nicht brauche, mich in die eine oder andere Richtung drängen zu lassen. Dies bedeutet nicht, dass in allem meist immer etwas Wahres enthalten ist. Aber es bedeutet, dass ich in erster Linie mir erlaube, wie wirkt etwas auf mich. Nimmt es mich mit ins Vertrauen, in die Verbundenheit, in meine weibliche Kraft des Fließenlassens, gibt etwas Raum…und Zeit? Wie fühle ich mich, wenn ich dem einen oder dem anderen lausche? Und ganz ehrlich, ich habe einer ganze Menge gelauscht. Weil ich gar nicht anders kann. Es hat mich vieles gelehrt, insbesondere über das Ausmaß einer traumatisierten Welt. Und es hat mich etwas anderes gelehrt…dass es vermutlich gerade ein solches Geschehen brauchte, um all das ans Licht zu bringen. 

Doch ebenso hat es mich gelehrt, dass Heilung Zeit und Raum braucht. Und dass es eine Haltung braucht, mal eine Weile etwas auszuhalten. Vor kurzem habe ich über den Tod einer Frau geschrieben, die an den Folgen von sexuellem Missbrauch gestorben ist. Dies berührt mich, schmerzt mich und ich benenne es. Doch es wird niemals etwas bringen, wenn ich jetzt voller Wut losziehen würde, sexuellen Missbrauch zu bekämpfen. Kampf gegen etwas erzeugt Gegengewalt. Doch was ich in mir trage, ist die Gewissheit, dass Trauma, woher auch immer es rührt, heilen kann. Wenn ich heute auf eine traumatisierte Welt schaue, dann weiß ich, dass es nichts zu beschleunigen gibt. Corona hat zwar an vielem gerüttelt und tut es noch. Doch ich weiß nicht, wer, wann, wie und in welcher Zeit davon berührt werden wird. Aber eines weiß ich. Leben wird sich immer seinen Weg bahnen.

Herbsttagundnachtgleiche…wer wird an einem solchen Tag innehalten? Sich fragen, bin ich selbst eigentlich in einem inneren Gleichgewicht? Fordere ich im außen etwas, was ich selbst gar nicht in mir trage? Wage ich es, mich auf die Suche zu machen, was mich davon entfernt? Und dies nicht in Anschuldigungen nach außen, sondern im ehrlichen Suchen in mir selbst. Was von mir will und wird die Welt von morgen bereichern? Was in mir hindert mich daran, es zu tun? Anstatt darauf zu warten, was mir die Welt gefälligst zu geben hat. Wie liebevoll bin ich mir selbst gegenüber, wenn ich mich ertappe in Fehlern und Unzulänglichkeiten? Anstatt anderen ihr Fehlverhalten vorzuwerfen. Jeder von uns ist frei, jeden Tag aufs Neue sehr ehrlich sich selbst gegenüber zu sein…und ganz ehrlich, tun wir mal so, Corona gäbe es nicht mehr…ist dann wirklich alles wieder gut?

Ich tauche heute gerne einmal mehr ein, in die Energie eines Bewusstseins, das sehr viel mehr weiß, als ich…mir kommen Lieder in den Sinn, Visionen, vor fast 30 Jahren gesungen…manch einer wirkt weit über seinen Tod hinaus, weil Leben nie endet…und was hat sich seitdem verändert? Was könnte hinter einem Geschehen liegen, das uns so sehr herausreißt aus geliebten Gewohnheiten und einer Scheinsicherheit?…

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