Waldesflüstern

Wieder zu Hause sitze ich an einem meiner Plätze im Wald. Lasse die Bilder und Ereignisse der letzten Tage vor meinem inneren Auge vorbeiziehen. All die Orte, Begegnungen, Erkenntnisse, Impulse.

Ich liebe es, unterwegs zu sein. Am Ende traf ich eine Freudin, die wie ich in ihrem ausgebauten Auto unterwegs ist, unsere Wege kreuzten sich, sie wird noch länger unterwegs sein. Da saßen wir unter dem Sternenhimmel nahe eines Sees, und stellten fest, mehr braucht es nicht. Das ist Freiheit pur. Nebenbei entstand ein einziges Geschenkefestival, wir beschenkten uns gegenseitig mit allem Möglichen, es ergab sich einfach so. Wir hatten uns lange nicht gesehen, und jede packte quasi die Fülle ihres Erlebten und Erfahrenen aus. 

Wieder in meinem Wald denke ich mir, ja, so geschieht das, wenn Menschen einfach aus ihrer Quelle leben und schöpfen. Da gibt es keinen Mangel. Da braucht einer den anderen nicht wirklich. Aber was gibt es Schöneres, als wenn die eigene Lust und Fülle auf die eines anderen trifft? 

Für sie und für mich war das keineswegs immer so. Da gab es vieles zu heilen. Vieles komplett in Frage zu stellen. Und sich aus vielem zu befreien. Auch darüber tauschten wir uns aus. Durch welch dunkle Täler es ging. Über unsere Ohnmacht, den Schmerz, die Unerträglichkeit vieler Situationen. Und wie sehr uns dadurch eigentlich erst die innere Kraft bewusst geworden war. Ebenso, wie eine im Nachhinein erst begreifbare höhere Führung. Wie viel Vertrauen darin gewachsen ist, immer an genau dem Ort zu sein, der gerade richtig ist. 

Das große Zauberwort JETZT. Gerne benutzt als eine Art immerwährender Erleuchtungszustand. Verbunden mit dem Anspruch ständigen Glücks. Ein für mich spiritueller Trugschluss. Viele machen sich darüber einfach nur weg. Die Vergangenheit soll keine Rolle mehr spielen. Die Vergangenheit ist jedoch immer im JETZT enthalten. Meine Freundin erzählte, wie sie mir das erste Mal begegnet ist. Wie sehr ihr im Nachhinein bewusst geworden war, welche Fesseln der Vergangenheit sie noch im Griff hatten. Und hat es gewagt, all ihren Schatten bewusst zu begegnen. Was für eine Wandlung ist da in ihr geschehen wie auch in mir in dieser Zeit dazwischen. Und was für eine andere Art der Berührung kann heute dadurch ganz einfach SEIN.

Es ist dieser kleine Unterschied, wenn Menschen sich begegnen. In diesem JETZT. Zeige ich nur meine lichtvollen Seiten, zeichne ein perfektes Bild von mir? Oder darf in diesem JETZT alles da sein? Meine Vergangenheit, mit all ihren Schatten ebenso wie meine Visionen für die Zukunft. Meine Fragen wie auch die Antworten, die ich bis jetzt gefunden habe. Meine Kraft und Stärke ebenso wie meine Zweifel und meine Schwächen.Wie sehr konnten meine Freundin und ich uns berühren genau dadurch, dass wir uns gegenseitig erkennen in dem Weg, den wir gegangen sind. Mit all den Brüchen, dem am Boden Liegen und wieder Aufstehen. Im Bewusstsein, dass das Leben uns weiterhin herausfordern wird. Und dass wir genau das lieben. Wir dürfen unperfekt sein. Und wir dürfen darin zutiefst ehrlich sein. Unser wahres, freies Sein liegt hinter allen Masken.

Als ich da im Wald saß, alleine, fühlte ich in alles in mir hinein. Die vielen zauberhaften Momente der Begegnungen dieser Tage, auch mit meinen Kindern, welche ebenso nah, vertraut und lebendig waren. Das wieder Loslassen, den kleinen Schmerz darin. Ich schaue hinauf, in die Baumkronen, in den Himmel… atme ein… Ich fühle die Wurzeln jeden Baumes in seinem einfach nur Sein… atme aus… Bewege mich eine ganze Weile nur in dieser Atmung. Werde eins, mit den Bäumen. Und weiß, tief in meinem Herzen, dass ich verbunden in diesem Sein wirklich immer am richtigen Ort bin. Dass mich diese Verbundenheit jeden Tag wieder an andere Orte und in neue Begegnungen führen wird. Und dass Berührung überall stattfindet. Alleine im Wald ebenso wie im Zusammensein. Im Verweilen ebenso wie im Aufbrechen. In der Freude wie im Schmerz. Dass dieses JETZT wundervoll ist, wenn wirklich alles da sein darf. Und wie schön es ist, sich in all diesem auszudehnen.

Weil ich den Zauber des Lebens so sehr liebe, wie es Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“ beschrieben hat. Meine Freundin zitierte auf einmal den Satz „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…“, worauf ich ihr spontan das ganze Gedicht vortrug, es begleitet mich seit meiner Jugend. Sie kannte es noch garnicht und doch war es gerade so passend für sie und ihre Reise. Das ist Leben. Wenn wir uns dem wirklich hingeben…

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