Die Auserwählten

Titel dieses Beitrages inspiriert vom gleichnamigen Film derzeit hier in der ARD-Mediathek. Ein bitter-zynisch-provozierender Titel. Die Auserwählten…es sind Kinder, für jahrelangen Missbrauch. Die Odenwaldschule, schon längst wieder in Vergessenheit geraten. Der Haupttäter, gestorben. Eine Verurteilung gab es nie. Verjährungsfrist, bis heute gültig bei Missbrauch. Die völlig traumatisierten Opfer, viele Männer unter ihnen, brauchten lange, bis sie ihr Schweigen brachen. Und es brauchte noch viel länger, bis sie wirklich gehört wurden. Eine wirkliche Aufarbeitung fand weder dort wie in all den Missbrauchsskandalen der Kirche bis heute nicht wirklich statt. 

Warum auch? Wir haben ja jetzt Corona. Was ein Glück, könnte man fast sagen, da haben wir doch echt Besseres zu tun. Wirklich? Wie lange wurde weggeschaut. Wie viele unsägliche Leidensgeschichten sind da mitten unter uns. Wie viele sterben, schon lange vor Corona, an den Folgen ihrer Traumata. Ob wirklich körperlich, indem viele von ihnen selbstzerstörischen Lebensweisen folgen oder direkt freiwillig in den Tod gehen. Oder seelisch. Weil ihnen nicht geglaubt wird, sie zum Schweigen verurteilt sind, sie zwar überleben, und wunderbar funktionieren, aber nicht leben. Und ich wiederhole mich sehr gerne. Die Traumata, einschlossen der Kriegs- und anderer Traumata unserer Geschichte wirken, bis heute. Corona macht sie nur mehr als sichtbar. Und die Situation für viele schlimmer. Es wird von einem erheblichen Anstieg pädokrimineller Aktivitäten im Internet berichtet, ebenso von Missbrauch und häuslicher Gewalt. Ist wirklich Corona der schlimmste Virus?

Die Auserwählten, dieses Wort klingt in mir nach. Wie gerne wird es auch religiös spirituell gebraucht. Das auserwählte Volk Gottes, oder die wenigen Auserwählten Gottes, die Lichtarbeiter und Gesandten von anderen Welten, die Menschheit zu erlösen. Auch hier ist in Corona-Zeiten ein deutlicher Anstieg festzustellen. Ebenso auf politischer Ebene, der rechten Szene, die subtil die Protestveranstaltungen unterwandern. Es bieten sich viele an. Als die Erretter aus einer drohenden Diktatur. Als diejenigen, die so genau alles über Corona wissen. Als die Lichtarbeiter der großen neuen Zeit. Was sie alle vereint? Sie sind die Guten. Die anderen entweder dumme Schafe, oder leider ach so unbewusste Menschen, die sich doch tatsächlich impfen lassen. Auf der spirituellen Ebene wird mir am meisten übel, weil so wunderschön verpackt hinter säuselnden Licht-Botschaften anderes steht. Hinter ohne Frage auch gewissen Wahrheiten, ist oftmals ein einfach nur überhebliches, zynisches, spaltendes, an Rassismus grenzendes Gedankengut versteckt. Ein „Wir sind die Guten“ gefährlich täuschend.

Der Leiter der Odenwaldschule war auch einer der Guten. Hochangesehen. Und das Vertrackte ist auch hier, dass er das vermutlich auf der einen Seite auch war. Doch gleichzeitig ein Manipulator höchsten Grades. Und ja, es gibt sie, weiterhin, überall. Doch jeder, der meint, zu den Guten zu gehören, darf erst einmal wirklich hinschauen. Ganz besonders dann, wenn er meint, auch noch eine Gefolgschaft kreieren zu müssen. Als ich mit meiner Freundin da saß, und wir über das so vielgerühmte JETZT diskutierten, sagte ich. Ja, gerne das JETZT. Aber wenn ich mich auch nur annähernd als bewussten, fühlenden Menschen bezeichne, dann ist es mir einfach nicht möglich, angesichts des Leides um mich, der Fortsetzung all der Traumata in dieser Welt, mich mal einfach so in irgendein Licht zu flüchten. Da fühle ich. Alles. Und ja, das schmerzt zutiefst. Doch das ist das Mindeste, was ich als Mensch unter Menschen doch zulassen darf. Ja, ich werde nicht nur einmal meine Ohnmacht darin fühlen. Doch vor einem schützt sie mich. Selbstherrlich mich selbst zu irgendeiner Auserwählten zu ernennen. 

Fühle ich, dann gelingt es mir nicht, auch nur irgendeinen zu verurteilen, weil er aus Angst, die Maske sogar im Wald trägt. Fühle ich, dann lasse ich keinerlei Urteil zu, ob es nun richtig oder falsch ist, sich impfen zu lassen. Fühle ich, dann spüre ich allerdings auch eine Wut. Keinen Hass. Aber eine Wut, wie sehr die Welt und unsere Gesellschaft noch immer wegschaut. Wie selbstbeweihräuchernd auf der anderen Seite da so viele meinen, die große lichtvolle Wahrheit in die Welt zu bringen. Und gleichzeitig eine Heerschar von blindlings folgenden Anhängern hinter sich her ziehen. Fühle ich sie noch tiefer, dann sehe ich, wie sehr und fatal Trauma letztendlich auf beiden Seiten wirkt. Dann fühle ich, wie sehr ich doch selbst mal an den Lippen anderer hing. Fühle meine Schwäche, die Ungeduld. Meine Ohnmacht. Die mich zutiefst Demut lehrt. Das ist Schattenarbeit. Denn dann sorgt eine Wut einfach nur dafür, wach zu bleiben. Noch klarer die Dinge zu benennen. Und zu handeln, wo es notwendig ist. Inmitten all dieser meiner Gedanken begegnet mir diese Blütendolde.

Die Auserwählten. Sind es diese Blüten, die als erstes blühen? Werden die Knospen es brauchen, dass die Blüten meinen, ihnen beibringen zu müssen, wie sie erblühen? Diese ersten Blüten werden als erstes abfallen. Die Knospen werden nachkommen. Und eigentlich geht es doch nur um eines. Dass jede auf ihre Weise blühen darf. Zu ihrer Zeit.  Die Natur manipuliert nicht aus sich selbst heraus. Dies schafft nur der Mensch. Weil er in der Tat Schöpferkraft in sich trägt. Und die Fähigkeit, eine Entscheidung zu treffen. Zu einem bewussten SEIN. Verbunden zu SEIN. Oder auch nicht. Denn Trauma zerschmettert beides. Und lässt es zu, dass wir entweder Auserwählte kreieren, die wir zerstört hinterlassen. Oder Auserwählte, die wir auf einen Thron setzen, weil wir uns weigern, selbst zu denken, hinzuschauen, unseren eigenen Schatten zu begegnen. Lieber ins Licht flüchten. Wir haben wirklich alle noch einen Weg zu gehen. Im Licht und im Schatten…und ich bin heute jederzeit bereit, diesen Tanz anzutreten… im JETZT…ehrlich…offen…berührbar…verletzlich…fühlend…einfach, weil ich lebe…

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