Folgende Annäherung an eine Meditation zur wilden Frau, die ich verfassen sollte, hatte ich bereits auf meiner früheren Homepage veröffentlicht. Mit dem Wassermann-Vollmond 2020 taucht sie nun wieder auf. Anders, mit einem noch klareren Ruf…sie will leben. In uns. In Frau und Mann. Denn die Wildnatur ist wirklich nicht uns Frauen vorbehalten. Aus vielen Gesprächen mit Männern wurde mir klar, dass der Weg dahin im Grunde ähnlich ist.

 Wir alle waren Kinder, wir alle wurden mehr oder weniger zurechtgestutzt, verletzt, gingen unseren Weg ins Funktionieren, in die Anpassung, in die Jagd nach ein bisschen Liebe. Oder in die Suche. Nach ihr. Ich nenne sie noch immer Wilde Frau, weil ich eine Frau bin;). Die Energie dahinter ist jedoch ebenso im Wilden Mann zu finden. Es ist der Ruf der Wildnatur ins authentische, wahrhaftige Leben und in die Freiheit. Und es ist Zeit…

Die wilde Frau erwacht

 

“Wilde Frau,

als man mir von dir erzählte, vor langer Zeit, da regte sich in mir eine merkwürdige, leise, ja fast schmerzhafte Sehnsucht in mir. Ich konnte es mir nicht erklären, aber dieses Gefühl ließ mich nicht mehr los.

Ich machte mich auf die Suche nach dir.

Wie sollte ich dich finden? Ich versuchte, mir ein Bild zu malen, wie siehst du wohl aus? Wild bist du, dein Äußeres wird wohl nicht so die Rolle spielen für dich. Schön muss das sein, dachte ich, die ich jeden Tag vor dem Spiegel stand und mein Äußeres überprüfte. Warum machte ich das eigentlich, wann fing ich damit an? Vermutlich erlaubst du dir in deiner Wildheit auch alles, wonach dir ist. Schön muss das sein, dachte ich, die ich mich in Rollen wiederfand, die irgendwie nicht mehr zu passen schienen.

Mein Suchen nach dir führte mich auf eine Reise zurück durch mein Leben.

Ich ahnte, dass es mal eine Zeit gab, in der ich dich besser kannte. Damals, als ich noch ein kleines Mädchen war. Als es noch eine Welt gab, die nur mir gehörte.
Ich erinnerte mich, meine Puppen, sie waren so lebendig! Ich konnte mit ihnen reden, wie ich auch mit meinen Tieren sprechen konnte. Was erlebten wir für Abenteuer miteinander. Das Maisfeld um die Ecke war unser Zuhause, wir wunderbar roch es in unseren „Zimmern“ dort! Barfuß liefen wir über den weichen Boden, bis wir irgendwann atemlos auf der warmen Erde lagen. 

Über uns der Himmel, Wolken, in denen ich die verrücktesten Wesen entdeckte. Und ich formte kleine Tänzerinnen aus Mohnblumen, wie wunderbar war es, mit ihnen zu tanzen. Ja, und die Kuchen, die ich aus Sand backte und mit Gänseblümchen verzierte, ach wie köstlich waren sie. Nebenbei lauschte ich den Vögeln, die nur für mich sangen. Viele kleine Schätze hatte ich, bunte Malstifte, mit denen meine Welten Gestalt annahmen. Steine, Federn, Perlen, bunte Stoffe, Farben, die ich schmecken konnte. Wie bunt war sie, meine Welt und wie wach all meine Sinne.

Doch dann entdeckte ich, dass es da noch ein ganz anderes Mädchen gab. Merkwürdig still war es, dieses Mädchen,  sehr traurig war es und sehr allein.
Was war mit ihm geschehen? Ich ahnte, meine Reise würde mich nun in etwas führen, was ich nicht sehen und schon gar nicht fühlen wollte. Doch es gab kein Zurück mehr. Zu stark war bereits die Sehnsucht in mir, irgendwo  dich, diese wilde Frau, finden zu können.

Ich musste und wollte begreifen, was mit diesem Mädchen geschehen war und es war wie eine Reise mitten in den Tod hinein. Mehr und mehr verstand ich, was dieses Mädchen zum Schweigen verdammt hatte. Und ich spürte, dass es schon so lange darauf gewartet hatte, dass ich es endlich sehe, fühle und vor allem in meine Arme nahm und ihm zuhörte. Es erzählte mir alles, Stück für Stück und es dauerte eine lange Zeit, bis ich alles verstanden hatte. Wie oft weinten wir zusammen, wie groß war oft der Schmerz, aber auch diese Wut darüber, was diesem Mädchen seine wunderbare Welt genommen hatte.

Es hatte in seiner bedingungslosen Liebe geglaubt, die Erwachsenen hätten Recht.
Brav sollte es sein und lächeln, auch wenn es eigentlich traurig war. Es lernte sehr schnell, was die Erwachsenen hören wollten und was nicht. Und das wirklich Wichtige wollten sie nicht hören. So lernte es zu schweigen, verschloss die bunte Welt in sich genauso, wie es all das verschloss, was es an Leid und Schmerz erfahren hatte.
In der Schule lernte es, das wiederzugeben, was von ihm verlangt wurde. Es schien leichter und besser zu sein, sich anzupassen an diese Welt, die so gar nichts hatte von dieser anderen, lebendigen und bunten Welt von damals.

Es lernte, sich zu benehmen, zu funktionieren und die Rollen anzunehmen, die offenbar von ihm erwartet wurden.
Ich folgte meinen Spuren weiter durchs Leben, sah wie ich Meisterin darin wurde, mich immer mehr anzustrengen, allem und Jedem zu genügen. Im Beruf genauso wie als Ehefrau und Mutter. Ja, es gab Momente, in denen ich dich wilde Frau noch immer mal spüren konnte. Aber schnell verdrängte ich dich immer wieder, genauso wie dieses vage innere Gefühl, dass mir bei allem irgendwas fehlte.

Ja, bis man mir von dir erzählte. Und bis meine Lebensumstände mich dazu drängten, mich endlich auf die Reise zu machen, auf eine Reise zu dir und zu mir. Ich begriff, dass diese wilde Frau nur zu finden war, wenn ich diese beiden Mädchen meiner Kindheit in mir wieder vereinte.
Ich suchte und fand wunderbare Lehrerinnen und Begleiterinnen, die diese Wildnatur bereits lebten. Sie lehrten mich, wie ich mit meinem inneren Kind an der Hand die wahre Essenz meiner Seele wiederfinden konnte.

Ich ging immer mehr in die Natur hinaus, beobachtete und lernte, dass das Wilde ebenso diese beiden Seiten der Mädchen meiner Kindheit in sich trug. Da war diese unglaubliche Schönheit, die ich in der Vielfalt der Blumen, Bäume und Tiere fand. Die vielen kleinen Wunder am Wegesrand, die auf einmal wieder Bedeutung für mich bekamen. Ich entdeckte wieder meine Sinne in einer ungeahnten Tiefe, ich lauschte, schmeckte, roch, sah und fühlte in einer neuen Intensität. Doch ich entdeckte auch, dass es das Sterben und den Tod gab in der Natur. Und dass es einen tiefen Sinn dafür gab. Dass nur etwas Neues wachsen konnte, wenn das Alte vergangen, gestorben und losgelassen war. Dass es ein ständiger Erneuerungs- und Wachstumsprozess war, der sowohl das Aufblühen, die Entfaltung und die Fülle in sich trug wie auch das Loslassen, das Absterben und die Leere.

Ja, ich verstand, dass es eine große Herausforderung bedeutete, dieser wilden Frau zu begegnen. Die Wildnatur duldet kein Leben in Stagnation, Langeweile und einem immerwährenden Dämmerzustand. Sie weckt gnadenlos auf, wo  ich meine Sehnsüchte, Träume, Kreativität und meine tief in mir wohnende Intuition begraben habe. Sie lässt mich nicht mehr wegschauen, mich nicht mehr meiner Gefühle berauben, sie gibt sie mir alle zurück. Die Freude, die Leidenschaft, die Unbändigkeit und Lust genauso wie den Schmerz, die Trauer, die Ohnmacht und Wut.

Doch je mehr ich die wilde Frau in ihrer Natur erkannte, umso mehr fand ich immer mehr zu mir zurück, zu der, die ich wirklich bin. Ich wurde wieder heil und ganz in mir, weil ich nichts mehr verstecken musste, nichts mehr verschweigen musste und mir endlich erlaubte, zu sein. Ich lernte, nicht mehr Ja zu sagen, wenn ich eigentlich ein Nein fühlte. Ich lernte, mich mit Menschen zu umgeben, die mir gut taten und mich von denen zu verabschieden, die mir schadeten.

Ich entdeckte wieder neu die Schöpferkraft in mir, die sich in so vielem ausdrücken kann, im Singen, Tanzen, Malen, Schreiben und der Kreativität. Meine Welt wurde wieder voll von Magie, kleinen und großen Wundern und ich entdeckte die Welt hinter der sichtbaren Welt. Und ich lernte, wieder meiner ganz eigenen Stimme in mir zu vertrauen und dem Ruf meines Herzens zu folgen.

Das hört sich so an, als wäre das alles Vergangenheit?
Nein, eines weiß ich heute.

Die wilde Frau fragt jeden Tag aufs Neue an, lässt mich achtsam werden in dem was ich tue und sage, hinterfragt immer wieder, ob ich wirklich authentisch dem folge, was ich im Inneren fühle. Und sie ist immer für Überraschungen gut. Denn noch immer geschieht es, dass ich sie manchmal übersehe. Aber heute, weiß ich, wo ich sie finden kann, diese wilde Frau in mir.

Sie lebt in allem, was ist, sie lebt in der Vergangenheit wie in der Gegenwart, sie lebt in der Begegnung mit mir wie auch mit anderen, sie lebt in den Schmerzen meines Körpers, die aufzeigen, wo ich meiner wahren Natur entgegen lebe, sie lebt in meinen Träumen und Inspirationen, in meiner Schöpferkraft und meinen tiefen inneren Instinkten.

Sie ist die Kraft des Lebens, die nach jedem Tod neu aufersteht, sie ist die Wolfsfrau, die im Vollmond laut aufheult und mit wehenden Haaren ihrem Leben entgegenläuft.”

…und der Ruf der wilden Frau erreicht mich einmal mehr…sie will einen größeren Raum bekommen…mehr erzählen… Und ja, schon länger bewege ich es in meinem Herzen. Blogbeiträge können das Thema Trauma, verletzte Weiblichkeit und Heilung als spiritueller Weg in ein wildes weibliches Sein nur sehr bedingt berühren. 

So wird nun ein Buch entstehen…, es braucht Raum, Zeit und immer wieder die Leere… kann sein, dass ich ein wenig weniger im Blog schreiben werde, vielleicht geht auch beides ineinander über… ich bin einfach ein wenig schwanger;)…

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